Vorsichtsmaßregeln bei Anschaffung guter Pendel- und Taschenuhren.
Obgleich zwischen einer gut gebauten und einer schlechten Uhr ein großer Unterschied ist, so hält es doch schwer Regeln aufzustellen, nach welchen jeder andere, der nicht Künstler ist, sich richten könnte; da selbst sehr viele, die Profession von der Uhrmacherkunst machen, nicht einmal im Stande sind, solche Regeln zu begreifen, geschweige denn selbst anzugeben. Ich will jedoch versuchen wenigstens einige Mittel anzugeben, die man allenfalls als Richtschnur annehmen kann.
1) Vor allen Dingen wende man sich an einen Künstler, dessen Geschicklichkeit sowohl als Rechtschaffenheit allgemein anerkannt ist, denn erstere Bedingung hilft zu nichts, wenn die zweite nicht damit in Verbindung steht.
2) Die Güte einer Pendel- oder Taschenuhr hängt nicht sowohl von der außerordentlichen Güte eines jeden ihrer Bestandtheile als vielmehr von der Einsicht des Künstlers und den Grundsätzen ab, die derselbe beim Bau der Uhren befolgt hat; denn eine vollkommen gut hergestellte Uhr kann demungeachtet sehr schlecht gehen, was gar oft der Fall ist, während eine, dem Anschein nach, nur mittelmäßig gebaute sehr richtig geht. Die möglichste Sorgfalt beim Bau derselben ist daher eine der wesentlichsten Bedingungen; man muß sie aber auch zu lösen wissen. Eine vollkommene gute Taschen- oder Pendeluhr ist also diejenige, die nach Grundsätzen gut ausgeführt ist, man findet leider nur gar selten diese Eigenschaften in einem Werke beisammen. Wenn man aber keine solche Musteruhren bekommen kann, so wendet man sich doch lieber zu dem Künstler, der seine Kunst mit Nachdenken und nach Grundsätzen treibt, deren fleißiges Studium ihm Erfahrungen und aus solchen ein gewisses Grundsystem schufen, als zu einem, der blos zierliche Uhrstücke baut, sein Fach aber nicht in dem Grad versteht, daß er auf Erfahrung beruhende Grundregeln darüber angeben könnte.
3) Um eine gute Taschenuhr zu bekommen, muß man es dem Künstler selbst überlassen, die Uhr nach seinem Sinn zu bauen, nämlich nach den Grundsätzen, die geeignet sind, ein richtiges gutes Werk herzustellen. Dies könnte man ihm allenfalls anrathen, sich lieber nach einem Bau zu richten, den Zeit und Gebrauch bewährt haben, als nach einem anderen, dessen Idealsystem keine Probe aushält.
4) Da nun zwischen einer guten und schlechten Taschen- und Wanduhr ein so großer Unterschied herrscht, so muß derselbe natürlicherweise auch auf den Preis Einfluß haben; denn um möglichst vollkommene Wand- und Taschenuhren herstellen zu können, muß man mechanisches Geschick haben, und dabei auch gut arbeiten, indem schon das geringste Bestandtheilchen einer Uhr die größte Aufmerksamkeit und tiefes Nachdenken in Anspruch nimmt. Ein solches gereiftes Nachdenken und gediegene Beurtheilungskraft läßt sich aber nur durch stete Uebung und eisernen Fleiß erwerben. Da nun ein geschickter Künstler zur Herstellung einer guten Taschenuhr noch einmal soviel Zeit braucht als ein mittelmäßiger Künstler zu seinen Werken, so kann ihm auch aus diesem Grund der doppelte Preis nicht verweigert werden. Wenn man nun auch noch die vorzüglichere Einsicht und das Studium, daß er bei Ausübung seiner Kunst nöthig hatte, in Anschlag bringt, so müssen natürlicherweise auch die Werke des erstern vor denen des andern - minder fähigen - einen großen Vorzug besitzen.
Soll also der Künstler seine Schuldigkeit thun, so muß man auch sein Verdienst verhältnismäßig bezahlen, und ihn nicht durch niedriges Feilschen nöthigen, solche mittelmäßige Maschinen zu liefern, wie sie die sogenannten Handwerksmeister bauen, und an die Fabriken und Uhrenhändler verkaufen.
5) Soll eine Taschenuhr beständig gut gehen, selbst wenn sie mitunter in die Hände eines mittelmäßigen Arbeiters gerathen oder gar von demselben verfertigt worden seyn sollte, so darf sie nur von mittler Größe, ja nicht allzu klein seyn. Obschon die kleinen Taschenuhren eben so gut, wie die von gewöhnlicher Größe gehen können, so sind sie doch weit schwieriger auszuarbeiten und deshalb auch in weit geringerer Anzahl vorhanden. Sie sind übrigens auch mehr der Gefahr ausgesetzt, von den Arbeitern, denen man sie zur Ausbesserung in die Hände gibt, verdorben zu werden.
6) Die Pendel- und Taschenuhren sind Maschinen, deren Haupteigenschaft ist, die Zeit zu messen. Demnach muß des geschickten Künstlers Zweck, den er bei Veränderung des Baues dieser Maschinen beabsichtigt, der seyn: das er ihnen einen größern Grad von Richtigkeit oder eine größere Anzahl von Wirkungen beibringt. Sobald man nun bei einer Taschenuhr eine Vermehrung des Räderwerks und anderer Getriebsstücke gewahr wird, so kann man nur sicher annehmen, daß der Fertiger solcher Stücke ein Ignorant ist, oder diejenigen seiner Kunden, die nichts von der Sache verstehen, hat anführen wollen. Ein Künstler, der Genie hat und seine Kunst treu und wahrhaft liebt, beschäftigt sich im Gegentheil mit nichts lieber als mit Aussuchung und Anwendung solcher Mittel, welche die Maschinen, die er baut, vervollkommnen; er nimmt nur solche Veränderungen vor, die von entschiedenem Nutzen sind. Ein solcher Künstler gibt nichts auf diese unnützen besonderen Raritäten, wie z.B. Uhren, deren Platinen ausgeschnitten sind, oder deren Räder in die Dicke der Platinen verborgen sind, damit die Käufer glauben sollen, die Uhr sey einfacher etc. Man thut daher wohl, wenn man solche Werke wählt, deren Struktur ebenso einfach als solid ist, die nach einem Plan gebaut sind, der von guten Grundsätzen und leichter Ausführung zeugt. Es sind dies alles sehr wesentliche Bedingungen einer guten Uhr: denn wenn schon eine gewöhnliche Uhr, die ursprünglich gut war, durch das öftere Hin- und Herwandern aus einer Hand in die andere, leicht verdorben werden kann, um wie vielmehr müssen nicht diejenigen darunter leiden, die durch die Mängel und Vielseitigkeit ihrer Bauart schon fast von Grund auf verdorben sind.
Was die Manier anlangt, Uhren, die man kaufen will, vorher auf die Probe zu nehmen, so will ich jedem Künstler davon abrathen. Wie soll man denn einem braven Künstler zumuthen, seine schönen Uhren einer - oft sehr ungeschickten - Probe preis zu geben! Wenn man von ihm eine gute Uhr verlangt und sie ihm als solche bezahlt, so ist er schon an sich verpflichtet, sie immer in gutem Stand zu erhalten, und sie wieder zu nehmen, wenn ihre Güte sich nicht bewähren sollte. Bei den gewöhnlichen Taschenuhren tritt oft der Fall ein, daß sie zuzeiten gut und dann wieder sehr schlecht gehen und in diesem Fall sind dann auch die Proben ganz vergeblich.
Um den Wert einer Taschenuhr beurtheilen zu können, muß man alle ihre Bestandtheile auseinander nehmen, jeden derselben besonders vor sich legen und dann genau untersuchen; hierdurch erfährt man, ob eine Uhr gut sey und immer richtig gehen werde. Dazu gehört freilich ein geschickter Mann, denn nur ein solcher versteht es, eine Uhr zu tariren und sie in stetem guten Gang zu erhalten.
Wenn es, wie nicht zu leugnen ist, nothwendig ist, daß man sich an einen geschickten Künstler wenden müsse, um gute Uhren zu bekommen, so ist es auch folgerecht, daß man bei mittelmäßigen Uhrmachern nur mittelmäßige Uhren kaufe, denn so wenig Geschick man ihnen auch zuzutrauen hat, so sind sie doch dagegen wieder mehr im Stand, eine Taschenuhr auszusuchen und zu verkaufen, als Kaufleute, die Uhrenhandel treiben, und sich nicht damit begnügen, mittelmäßige Werke zum Kauf auszubieten, sondern sich auch solche viel theurer bezahlen lassen als sonst die Uhrmacher thun würden, weil der größte Theil der Uhrwerke, welche die Kaufleute kaufen, um sie wieder zu verkaufen, von Uhrmachern geliefert wird, die, indem sie für die Güte ihrer Werke nicht zu stehen brauchen, solche um einen Spottpreis losschlagen und sicher, dabei zu gewinnen, sich wenig darum bekümmern, ob sie etwas taugen oder nicht. Die Herren Uhrenhändler verstehen es gar herrlich, schlechte Genfer Werke in Pariser Gehäuse zu stecken, die Namen guter Meister auf die Uhren kritzeln zu lassen und sie dann als gute Uhren zu verkaufen.
Will man also gute Uhren haben, so gehe man zu guten Meistern, mittelmäßige bekommt man von untergeordneten Uhrmachern. Dies sind die Hauptregeln, die man dabei zu beobachten hat. Man könnte mir nun zwar den Einwurf machen, daß gewisse Uhrmacher auf Betrug ausgehen, und schlechte Uhren für gute verkaufen, und daß man deshalb darauf Bedacht nehmen müsse, sich gegen diesen schändlichen Mißbrauch des Zutrauens sicher zu stellen. Ich muß da freilich zugeben, daß solche Betrüger unter den Uhrmachern zu finden sind und ich weiß auch dagegen kein anderes sicheres Schutzmittel anzugeben, als das: sich an rühmlich bekannte Uhrmacher zu wenden, auf deren Einsicht und Rechtlichkeit man sich verlassen kann. Vor allen Dingen muß man auf den Preis sehen, denn gute Waare hält guten Preis und doch wird man am Ende von den Uhrmachern nicht in dem Grade angeführt, wie es von den Kaufleuten, die Uhren aufkaufen, um sie wieder zu verkaufen, gewöhnlich geschieht; denn die erstern besitzen doch wenigstens einige Kenntnisse von der Uhrmacherkunst und sind sonach mehr fähig, eine sichere Wahl zu treffen, als jene Kaufleute, die fast noch unwissender als betrügerisch sind.
Wer endlich sich unterfangen will, ein richtiges Urtheil über die Uhren zu fällen, muß selbst Künstler seyn oder wenigstens richtige Begriffe von der Uhrmacherei haben. Um dahin zu gelangen, muß man Bücher lesen, die hierüber geschrieben worden sind. Wenn man nun die daraus geschöpften Begriffe bei Prüfung der Pendel- und Taschenuhren anzuwenden versteht, dann kann es wohl auch nicht fehlen, daß man ein verständiges Urtheil darüber zu fällen weiß.
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