Das X. Capitel.

Von dem Gebrauch der Spiralfeder in den Taschen-Uhren, nebst einigen Regeln, und nöhtigem Unterricht, ihren Gang geschwinder oder langsamer zu machen.

I.

Ich habe oben schon zur Genüge erwiesen, daß die Taschen-Uhren keinen so hohen Grad der Richtigkeit überkommen können, als die Perpendikel-Uhren, sondern, daß sie vielerley Ursachen halber, weit öfteren und grösseren Veränderungen unterworfen sind, als die letzteren. Nicht weniger habe ich gezeiget, daß die Vollkommenheit einer Taschen-Uhr in ihrem ordentlichen Gange bestehe, und zugleich weitläuftig von der Art und Weise gehandelt, wie man grosse und kleine Uhren, nach der Scheinbaren- und Gleichen-Zeit richten müsse. Nun ist nichts mehr übrig, als daß ich noch vom Gebrauch der Spiralfeder das nöhtige beybringe, und wie man vermittelst derselben, den Gang der Uhr, nach einer selbst beliebigen Proportion, geschwinder oder langsamer richten könne.

II.

Diese kleine Feder wird die Spiral- oder auch die richtende Feder genennet; und zwar die Spiralfeder, wegen ihrer Figur, immassen sie wie die Spiral- oder Schnecken-Linie, in verschiedenen Zügen um sich selbst herum läuft: ihr inwendiges Ende ist an der nicht weit von dem Mittelpuncte der Unruhe befindlichen Stange, das auswendige Ende aber, an die Platte der Taschen-Uhr, also befestiget, daß ihr äußeres Ende allezeit unbeweglich bleibet, wann indessen das inwendige Ende, durch die Streiche der Unruhe, in beständige Bewegung gesetzet wird. Sie ziehet sich zusammen, und thut sich auf, wechselweise, bey jedem Streich der Unruhe, und hilft solcher gestalt, durch ihre Elastische Kraft (vermöge welcher ein Cörper sich zusammen drucken lassen, und wann das Drücken gehoben ist, wieder ausdehnen kan,) die Streiche der Unruhe, von der sie beweget wird, dagegen wieder richten. Daher nennet man sie auch die richtende Feder, weilen man vermittelst derselben, den Gang der Uhr, auf eine recht subtile Art, nachdem es erfordert wird, geschwinder oder langsamer machen kan.

III.

Von dieser unvergleichlichen Erfindung, alles zu sagen, was aus der Bewegungskunst davon vorgebracht werden könte, würde allhier zu weitläuftig fallen; ich begnüge mich mit demjenigen, was zum nöhtigen Begriff von ihrer überaus subtilen Würkung zu wissen erfordert wird, und dieses werde ich mit wenig Worten verrichten, nemlich: wann man die inwendige, runde-silberne-mit Zieffern versehene Scheibe drehet, um die Uhr geschwinder oder langsamer zu stellen, so wird die Kraft der richtenden Feder dadurch um etwas weniges stärker oder schwächer; dieses verursachet, daß die Unruhe um ein ganz geringes geschwinder oder langsamer vibriret. Es ist aber die Verwunderungs-würdige Subtilität ihrer Würkung so groß, daß, wann man den Gang einer Taschen-Uhr in vier und zwanzig Stunden, nur um eine Minute verändert, so bekommen alle Streiche, welche die Unruhe in vier und zwanzig Stunden verrichtet, durch diese Veränderung, vermittelst ihrer Würkung, einen gleichen Einfluß: Nun ist die Zeit einer einigen Vibration sehr kurz, welches man gewahr wird, wann man die Taschen-Uhr ans Ohr hält; wie dann die Unruhe in jeder Stunde gemeiniglich 16200 Streiche thut. Doch, so kurz, wie die Zeit auch immer seyn mag, eine Taschen-Uhr binnen vier und zwanzig Stunden, um eine Minute zu verändern, so wird doch jeder Streich der Unruhe, nur um den 1440ten Theil seiner Zeitdauer dadurch geschwinder oder langsamer gemacht, welches dann nicht mehr als den 6480ten Theil einer Secunde, oder eines Pulsschlages, oder auch den 388800ten Theil einer Minute beträget.

IV.

Nun wollen wir auch zur Praxi schreiten, welche von eben so grossen Nutzen, als die Theorie curieus ist. In allen neueren Taschen-Uhren findet man inwendig, nicht weit von der Unruhe, eine kleine runde silberne rund herum mit Zieffern auf nachfolgende Art versehene Scheibe, als 1. 2. 3. 4. 5. 6. oder etwa: 4. 8. 12. 16. 20. 24. oder auch 5. 10. 15. 20. 25. 30. Zwischen diesen Zieffern trift man gemeiniglich 4 oder 5 kleine Streiche oder gleiche Abtheilungen an. Es ist einerley. wie man die Zieffern auf dieser runden Scheibe einrichten, oder die Eintheilung unter sie machen wil, weilen die Zieffern blos zu einem Merkmahle dienen, wohin man die Scheibe beym geschwinde oder langsam Stellen drehen, die Striche aber, wie weit man auf einmahl drehen solle.

V.

Zugleich nehme man eine um der Scheibe in der Uhr etwa stehende Figur von einem Fisch, Vogel, Hand, Schlange, oder eine andere Zierrath, zum Merkzeichen an, und richte sich darnach mit dem Drehen der Zieffern und Striche, auf der Scheibe, die an dieses Zeichen stossen. Ein dergleichen Merkzeichen, ist als ein Theil der inwendig gestochenen Arbeit an der Uhr, ausserhalb der Scheibe feste, die Scheibe aber, so daran stösset, ist beweglich. Beym Gebrauch richtet man sich nach einer Spitze dieses Merkmahls, und alsdann kan man aufs genaueste sehen, wie weit man die Scheibe allemahl nach Erfordern drehet. Hierauf muß man wohl Acht haben. Besiehe die 14te Figur.

VI.

Gesetzt nun, die Ziffern auf der Scheibe stünden also: 5, 10, 15, 20, 25, 30, und eine der kleinen Abtheilungen, zwischen den Zahlen 15 und 20 stünde dem Merkmahle gerade gegen über. Weil die Spitze des Merkmahls zwischen den Zahlen 15 und 20 stehet, so ist sie von der niedrigsten Zahl 5, eben so weit entfernet, als von der höchsten Zahl 30, folglich kan man die Scheibe bey diesem Fall auf einer Seite eben so weit herum drehen, als auf der andern Seite. Drehet man nun die Scheibe solchergestalt, daß sich die Zahl 5, dem Merkmahle nähert, so gehet die Uhr langsamer, und im Gegentheil geschwinder, wann die Zahl 30 nach demselben gedrehet wird.

VII.

Hieraus machen wir folgende Regel: wann man eine Uhr geschwinde oder langsam stellen wil, so muß man allemahl das angenommene Merkmahl vor Augen haben. Sol sie geschwinde gehen, so drehet man die höchste Zieffer der Scheibe nach ihr zu, und im Gegentheil die niedrigste, wann sie langsam gehen sol.

VIII.

Zum Exempel: stehet die Spitze des Merkmahls, auf einem Strich zwischen den Zahlen 15 und 20, und man drehet die Scheibe so, daß die Zahl 20 dem Merkmahle näher kommt, so wird der Gang der Uhr geschwinder gemacht; drehet man aber die Zahl 15 dem Merkmahle zu, so wird ihr Gang langsamer gerichtet. Oder: das Merkmahl wiese auf einen Strich zwischen den Zahlen 10 und 15. Drehete man die Zahl 10 nach dasselbe, so müste die Uhr langsamer, und bey Näherung der Zahl 15 an dasselbe, geschwinder gehen. Und auf gleiche Weise verfähret man, wenn das Merkmahl zwischen andere Zieffern weiset. Die Zahlen weisen also, wie schon gesaget, wohin man die Scheibe beym geschwinde oder langsam Stellen der Uhr drehen, die kleinen Abtheilungen aber zwischen den Zahlen, wie weit man sie auf einmahl drehen solle.

 

Aus dem, was unser Autor bishero gesaget, folget ganz natürlich: daß, wann man die Uhr offen, in der linken Hand hält, man allemahl die Scheibe nach der linken Hand drehen müsse, wann sie zu geschwinde gehet, und nach der rechten Hand, wann sie zu langsam gehet. Es ist die Scheibe in diesem Stück, mit dem Zeiger auf dem Ziefferblade gleich eingerichtet, welchen man ebenmässig, wenn die Uhr zu geschwinde gegangen, nach der Linken, und wenn sie zu langsam gegangen, nach der Rechten, auf die Stunde drehen muß. Das Ziefferblad kan also hiebey zum Wegweiser dienen, wornach die inwendige Scheibe langsam und geschwinde, auf obbeschriebene Weise, gestellet werden könne. Solte etwan diese Scheibe an einer Uhr auf das Gegentheil eingerichtet seyn, so muß man die Regel umkehren, und zur Rechten drehen, wann sie langsam, zur Linken aber, wann sie geschwinde gehen sol.

IX.

Noch hat man hiebey zu merken: daß man die Scheibe in manchen Taschen-Uhren nur um einen Strich rücken darf, so verändern sie ihren Gang eben so stark, als andere, in denen man die Scheibe um zwey bis drey Striche rücket. Nun kan man zwar keine rechte Regel geben, um wie viel Striche man eigentlich die Scheibe drehen müsse, wann man den Gang der Uhr auf gewisse Minuten täglich geschwinder oder langsamer richten wil; doch hat man davon keine nützlichere Regel, als die folgende:

X.

Nemlich: ist man gewiß versichert, daß eine Uhr beständig geschwinder oder langsamer gehet, das ist: daß ihre Veränderung, sie sey beschaffen, wie sie wolle, allemahl ordentlich ist, so gebe man, nach einer, meiner oben ertheilten Anweisungen Acht, wie viel diese Veränderung in vier und zwanzig Stunden betrage.

XI.

Gesetzt nun, die Taschen-Uhr ginge in vier und zwanzig Stunden vier Minuten zu langsam, und die Spitze des Merkmahls wiese auf einen Strich, zwischen den Zahlen 15 und 20; so drehe man die Scheibe dergestalt, daß sich die Zahl 20 dem Merkmahle nähere; jedoch zum ersten mahle nicht mehr und nicht weniger, als die Weite eines der kleinen Striche oder Abtheilungen von einander beträget; Hierauf stelle man die Uhr wieder richtig nach einer Perpendikel-Uhr, und gebe nach Verlauf von 24 Stunden Achtung, was dieses kurze Drehen der Scheibe von einem Strich zum andern vor Würkung gethan. Wäre nun die Uhr indessen zwey Minuten zu geschwinde gegangen, da sie vorhero in 24 Stunden vier Minuten zu langsam ging, so ist offenbar, daß dieses kurze Drehen der Scheibe, von einem Strich zum andern ihren Gang, binnen 24 Stunden, um sechs Minuten verändert habe, und alsdann drehe man die Scheibe wieder nach der andern Seite, so daß die Zahl 15 sich dem Merkmahl nähere, jedoch nur um einen Drittheil der Weite eines Striches von dem andern, so wird die Uhr in vier und zwanzig Stunden zwey Minuten langsamer, und folglich richtig gehen. Also giebet dieser Versuch zu erkennen, daß das Drehen der Scheibe von einem Strich zum andern, die Taschen-Uhr binnen Zeit von vier und zwanzig Stunden um sechs Minuten verändert, nimmet man nun nur den sechsten Theil eines Striches, so wird die Veränderung binnen solcher Zeit, nur eine Minute betragen.

XII.

Wer sich dieser Regeln bedienen wil, der muß ein bis zweymahl versuchen, um wie viel Minuten sich der Gang einer Taschen-Uhr binnen 24 Stunden verändere, wann man die Scheibe nur einen Strich weit von einander herum drehet; Man kan nachgehends allemahl daraus urtheilen, wohin und wie weit man die Scheibe nach Maßgebung der Veränderung, welche man der Uhr geben wil, drehen muß; wenigstens, wenn man die Scheibe allemahl nur ganz wenig drehet, so wird man nach und nach den Gang der Uhr richtig stellen können, wann sie nur sonst gut gemachet und in einem guten Stande ist.

XIII.

Solte aber, nach obbeschriebener Massen angestelletem Verfahren, die Würkung etwa nicht so beschaffen seyn, wie man sie sich davon versprochen hat, welches mögliche Dinge sind, so bleiben meine gegebene Regeln dem ohngeachtet gewiß und richtig, die Schuld aber liegt alsdann an der üblen Einrichtung der Uhr selbst, oder vielleicht an dem Theile der Uhr, welcher die verlangte Würkung zuwege bringen sol, immassen es wenig Taschen-Uhren giebet, welche mit genugsamer Sorgfalt, in diesem so subtilen Stücke verarbeitet sind.

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