Das XI. Capitel.

Allgemeine Regeln, wie man mit Taschen-Uhren umgehen solle, nebst einigen Gedanken, wie viel an der Kunst, dieselbe auszubessern, gelegen sey, und von dem Mißbrauch, der hiebey begangen wird.

I.

So nützlich und begreiflich die Regeln, und der Unterricht, welchen ich in den vorhergehenden Capiteln von Richtung und Stellung der grossen und kleinen Uhren gegeben habe, auch immer seyn mag, so kan man sich doch gar leicht vorstellen, daß alle, denen dergleichen Unterricht nöhtig ist, entweder, weilen sie keine Lust dazu, oder nicht Curiosität genug haben, oder aus andern Ursachen, nicht alles so genau beobachten werden, sonderlich diejenigen, welche sich nur der Taschen-Uhr bedienen. Weilen es aber unmöglich ist, ohne Beobachtung dieser Regeln, die Taschen-Uhren auf einen solchen Grad der Richtigkeit zu bringen, welchen sie zu haben fähig sind, so dürfen sie sich auch nicht wundern, wann ihre Taschen-Uhren nicht so gut gehen, als dererjenigen ihre, welche meine Regeln fleissig in Acht nehmen. Indessen muß ich noch einige nöhtige, bey Taschen-Uhren vorkommende Umstände, zum Besten dieser Uhren-Freunde, erwegen.

II.

Und zwar, werde ich erstlich die Meynung: daß man die Taschen-Uhren verderbe, wann man ihren Zeiger zurück drehet, zu verbessern suchen; dann obwohl dieser Irrtum fast allgemein ist, so betrieget man sich doch darinnen, weilen die Taschen-Uhren gemeiniglich so eingerichtet sind, daß man ihre Zeiger-Nadeln, ohne den geringsten Schaden an ihr zu befürchten, so leicht rückwerts, als vorwerts drehen kan; die übelen Folgen aber, welche dieser vorgefasste Wahn sonderlich verursachet, bestehen darin: daß, wann eine Taschen-Uhr etwa eine Stunde zu geschwinde gehet, und man wil sie wieder auf die rechte Stunde stellen, so geschiehet es zum öftern, daß man aus Furcht an der Uhr etwas zu verderben, statt den Zeiger eine Stunde zurück zu stellen, ihn lieber eilf Stunden vorwerts rücket, und ihn dadurch binnen kurzen, so leicht drehig machet, daß die Uhr zuweilen fortgehet, und den Zeiger hinter sich lässet, wie diejenigen an ihren Uhren nicht selten erfahren, welche sich dieser Manier bedienen.

III.

Es scheinet dieser fast allgemeine Wahn, daß die Taschen-Uhren ohne Schaden nicht zurück gestellet werden dürfen, von einigen Taschen-Uhren, deren Zeigernadel man nicht über eine Stunde zurück stellen kan, seinen Ursprung zu nehmen: allein dergleichen Arten von Uhren, sind allezeit nur Schlag- nicht aber Repetir-Taschen-Uhren, und zwar nicht einmahl welche von den neueren Sorten. Jedoch auch an dergleichen Arten von Uhren kan man den Zeiger rückwerts drehen, bis man ganz merklich spüret, daß er sich nicht mehr wil drehen lassen, und dann muß man zu drehen aufhören. Man kan hiebey folgende untrügliche Regel in Acht nehmen: In allerley Arten grosser und kleiner Uhren, woran man nicht spühret, daß sich der Zeiger beym zurückdrehen, an etwas, das ihn ganz merklich aufhält, stösset, daran kan man ohne Unterscheid zu machen, und ohne dem Werke selbst zu schaden, die Zeigernadel, nach Erfordern, bald vor- bald rückwerts drehen, ja was noch mehr ist: man muß sie nach der Seite hindrehen, wo es, die Uhr richtig zu stellen, am kürzesten geschehen kan.

IV.

Der andere Umstand ist dieser: daß die meisten Taschen-Uhren zwey Unvollkommenheiten an sich haben, als erstlich: daß ihre Unordnung, wann sie vier und zwanzig Stunden nicht ordentlich gegangen sind, sich vermehre, so bald man sie zur gewöhnlichen Stunde aufzuziehen vergisset, und sie etwa zwei oder drey Stunden über der gewöhnlichen Zeit ihres Aufziehens, unaufgezogen fortgehen lässet; und zweytens: daß, wann gleich eine Taschen-Uhr, bey einer gewissen Lage, zum Exempel in der Tasche, oder wann sie hänget, oftmahls noch so ziemlich gehet, dennoch eben diese Uhr, wann sie auf den Tisch geleget wird, welches eine von der ersten ganz unterschiedene Lage ist, in 24 Stunden viele Minuten sich verändern werde.

V.

Wil man nun der Würkung dieser beyden Fehler, so viel als möglich ist, zuvor kommen, so muß man folgende beyde Regeln nicht vergessen, nemlich: man muß die Uhr täglich zu einer gewissen Stunde aufziehen, und sie, so viel als es sich wil thun lassen, beständig in einer Lage zu behalten suchen.

VI.

Weilen man auch drittens, eine gute Taschen-Uhr nicht sorgfältig genug in Acht nehmen kan, so darf man sie ohne unumgängliche Nohtwendigkeit, und ausser in dem Fall, wenn man ihren Gang, vermittelst der Spiralfeder, nach Erfordern geschwinder oder langsamer richten muß, gar nicht öfnen. Ist man aber solches zu thun genöhtiget, so sehe man sich vor, daß kein Haarpuder, oder andere Unreinigkeit hinein fallen möge, dann überhaupt muß man mit einer guten Taschen-Uhr, wie mit einem kostbaren Edelgestein umgehen.

VII.

Indessen, da diese subtile Maschinen, und unter denenselben die schlechtesten am meisten, wann man sie auch noch so sehr in Acht nimmt, dennoch etlichen Unordnungen unterworfen bleiben, so werde ich diesen kleinen Tractat nicht besser beschliessen können, als daß ich denen, welche sich der Taschen-Uhren bedienen, und von ihnen gute Dienste erwarten, einige nöhtige Betrachtungen, von der Kunst, sie auszubessern, mittheile.

VIII.

Dann ist es die Kunst, die Taschen-Uhren auszubessern, dem Publico gewiß eben so nöhtig und nützlich, als die Kunst solche zu verfertigen, immassen auch die allervollkommensten dann und wann einer Ausbesserung bedürfen; die schlechtern aber, deren es gleichwohl weit mehr als der guten giebet, wollen von einer gescicktern Hand, als dessen der sie gemacht hat, in einen einiger Massen brauchbaren Stand gesetzet werden. So wahr nun dieses alles ist, was ich gesaget habe, so wenig scheinen es doch die meisten Uhren-Liebhaber zu verstehen, und zu beherzigen. Wie viele giebt es nicht, die in den Gedanken stehen, es gelte gleich, welchem Maitre sie die Ausbesserung ihrer Taschen-Uhr anvertrauen? verstünden sie aber die übelen Folgen ihrer irrigen Meinung, sie würden eine gute Uhr lieber hundert Meilen weit, nach einem geschickten Maitre schicken, als sie durch einen Stümper ausbessern lassen; so wie ein Kenner der guten Mahlerey, die Ausbesserung eines kostbaren Gemähldes, schwerlich einem Gurkenmahler anvertrauen wird. Weilen aber die wenigsten Kenner sind, und diese erforderte Einsicht haben, so geschiehet es eben daher, daß sie entweder vor die zuweilen so nöhtige Ausbesserung ihrer guten Uhren in der Wahl der Uhrmacher nicht Sorge genug tragen, und sich vielleicht überreden, eine gute Uhr müsse allezeit gut gehen, (sie werde ausgebessert, von wem sie wolle,) dahingegen andere alle Hoffnung verlohren geben, ihre schlechte Uhren durch eine geschickte Ausbesserung brauchbarer gemachet zu sehen, indem sie sich etwa einbilden, eine schlechte Uhr bleibe allemahl schlecht, wann sie schon unter eines geschickten Künstlers Hände gerahte.

IX.

Allein, wann gleich eine Taschen-Uhr, welche gut gehet, allemahl eine gute, und eine andere, die nicht gut gehet, würklich allemahl eine schlechte Uhr wäre, (welches man doch so schlechterdings nicht sagen kan, wie ich bald zeigen werde,) so folget daraus gleichwohl noch nicht, daß eine gute Taschen-Uhr, auch allemahl gut gehen, und daß eine schlechte allemahl schlecht gehen müsse; dann es kan sich gar leichte zutragen, daß auch eine gute Taschen-Uhr, entweder durch die Hand eines ungeschickten Uhrmachers, oder durch andere Zufälle, in Unordnung gerahten, oder auch eine schlechte Taschen-Uhr, durch die Hand eines geschickten und erfahrenen Maitres, in Ordnung wieder gesetzet werden kan.

X.

Eine Taschen-Uhr lässet sich nicht uneben mit einem Musicalischen Instrumente, und ihr Gang mit der Harmonie desselben vergleichen. Dann, gleichwie die Richtigkeit der ersteren von der geschickten Vereinigung und Anordnung vieler Ursachen zusammen abhänget, durch den Mangel, oder verkehrte Anordnung einiger dererjenigen Ursachen aber, welche wesentlich sind, verdorben werden kan; also bestehet das wesentliche eines Musicalischen Instruments darinnen: daß eine jede Saite ihren eigenen Thon habe, der Thon aber wird durch die Ausdehnung der Saite in gewisse Grade, vermittelst sehr behender Drehung des Wirbels zuwege gebracht. Wie leicht kan nun ein solches Instrument verdorben werden, wann jemand, der sich auf die rechten Thone nicht verstehet, oder sonst ein Ungeschickter drüber kommt, oder wie bald kan feuchte und trockene Luft die Saiten daran ausdehnen, oder zusammen ziehen; nicht weniger kan einem Instrumente noch ein anderes wesentliches Stücke, nemlich, der rechte gebührende Thon ermangeln, wann es entweder eine unförmliche Gestalt, oder untaugliche Materialien hat, welche Unschicklichkeiten ein erfahrner Künstler, der die Ursachen davon einsiehet, oftmahls abzuhelfen im Stande ist.

XI.

Ich habe kurz vorher, im 9ten ß. dieses Capitels angemerket: daß man nicht allemahl hinlänglich schliessen könne: eine Uhr, die gut gehet, sey darum gut, und eine andere, die schlecht gehet, sey darum schlecht. Doch gestehe ich ganz gerne, daß es sehr verführerische Kennzeichen sind, welche aber dem ohngeachtet, unsicher und trüglich bleiben, zumahlen, wann man die vielen Vorurtheile und Irrthümer bedenket, wodurch die meisten dahin gebracht werden, von dieser Materie zu urtheilen. Oben im achten Capitel findet man hievon mehreres. Anjetzo wil ich das, was ich hier sage, zu beweisen suchen.

XII.

Durch eine gute Taschen-Uhr verstehe ich überhaupt eine solche Uhr, die nicht allein aus auserlesenen Materialien bestehet, sondern deren Theile auch mit Verstande Kunstmässig verarbeitet worden, und überall die behörige Verhältniß gegen einander haben; mit einem Worte: eine Uhr, die mit allem nur möglichen Fleisse und Geschicklichkeit verfertiget ist. Und eine solche Uhr kan nicht anders als gut gehen.

XIII.

Dagegen eine schlechte Uhr nenne ich diejenige, die, weilen ihre Beschaffenheit nur erwehnten Eigenschaften ganz und gar entgegen ist, nicht allein sehr untaugliche Materialien hat, sondern deren wesentliche Theile, auch alle nachlässig und ungeschickt gemachet und eingerichtet worden. Und eine so beschaffene Taschen-Uhr kan nicht anders als schlecht gehen.

XIV.

Ob nun zwar der Unterscheid zwischen der besten, und schlechtesten Taschen-Uhr, noch fast unglaublich groß ist, so kan doch die gute nicht anders als gut gehen, weilen sich nur allein in derselben eine gewisse Uebereinstimmung und Ordnung der Ursachen befindet, die alle diese gute Würkung zu befördern bequem sind; dahingegen, weilen die Fehler der schlechten Taschen-Uhren, auf fast unendliche Art vermehret werden können; so erzeugen sie eine fast unzählige Menge verschiedener Arten von Unordnungen, davon man einige bald in grösserer, bald in geringerer Anzahl, in einer jeden Taschen-Uhr von dieser letzten Sorte gewahr wird.

XV.

Es ist allezeit möglich, daß eine gute Taschen-Uhr schlecht gehen könne, wann einige derer Ursachen, welche zu ihrem Gutgehen nohtwendig erfordert werden, in Unordnung gerahten; und dieses kan noch ausserdem, daß sie in ungeschickte Hände kömmt, durch verschiedene Zufälle mehr geschehen; sie bleibet aber dem ohngeachtet allezeit gut, weilen alle ihre Theile gut gemachet sind, und ihre ganze Einrichtung gut ist, indem es nur auf Kleinigkeiten beruhet, ihr ihre Vollkommenheit wieder zu geben. Dahingegen kan eine schlechte Taschen-Uhr gut gehen, wann ein ehrlicher und erfahrener Künstler, ihre übel geordneten Theile verändert, besser einrichtet, und zum ordentlichen und gleichen Gange, nach seiner besten Geschicklichkeit proportioniret. Doch darf man die letztere, wann sie schon vors erste gut gehet, und als dem Ansehen nach die Tugend einer guten Taschen-Uhr an sich hat, nicht gleich eben so hoch halten, oder glauben, daß sie so beständig gut gehen werde, als die erstere; dann weilen sie gleich anfänglich übel gemachet und eingerichtet ist, so wird sie davon allezeit Merkmahle behalten, ein geschickter Mann mag sich noch so viel Mühe bey ihrer Ausbesserung gegeben haben.

XVI.

Ich habe also, so viel als es die Kürze erlauben wollen, gezeiget, wie es zugehe, daß eine gute Taschen-Uhr durch allerhand Zufälle verdorben werden, und in Unordnung gerahten, und eine schlechte dagegen, mit Hülfe eines geschickten Uhrmachers, einen noch so ziemlichen Gang erlangen könne. Es wird nicht nöhtig seyn zu erweisen, daß der erste Fall sich weit häuffiger und viel leichter zutrage, als der andere, sintemahlen es hundert und mehr Zufälle giebet, welche eine gute Uhr in Unordnung bringen können, da es hingegen viele Geschicklichkeit erfordert, eine schlechte Uhr gut zu machen.

XVII.

Und warlich, wann ich erwege, wie wenig Uhrmachers mit dieser so nöhtigen Geschicklichkeit begabet sind, welche sie doch alle zu besitzen vermeinen, so muß ich das Unglück dererjenigen, die sich der Uhren bedienen, bedauren, anerwogen ich sie alle dem Betruge solcher Künstler ausgesetzet sehe, welche, indem sie die Profession, die sie doch treiben wollen, nicht verstehen, damit nichts anderes ausrichten, als daß sie eine an sich sehr curieuse und überaus nützliche Kunst, nur beschimpfen, und verunehren.

XVIII.

Endlich, so gehet es mir auch recht nahe, daß ich nicht im Stande gewesen bin, diese Materie recht gründlich abzuhandeln, ohne bey vielen Uhrmachern dadurch das Schwer aufzudrücken, als wohin um so viel weniger meine eigentliche Absicht gegangen, je mehr mir bekandt ist, daß es viel ehrlichen Gemühtern bey unserer Profession, nicht so wohl an der Begierde, als hauptsächlich an Gelegenheit ermangelt, ihre Kunst vollkommener zu erlernen; doch wünschte ich wohl, daß man mehr Fleiß anwenden möchte, zu einer wahren Geschicklichkeit darinnen zu gelangen; und wie glücklich würde ich mich schätzen, dazu etwas mit beytragen zu können. Indessen, ehe ich dieses, meinem Wunsche gemäß, würklich thun kan, so habe ich es gewaget, den Uhren-Liebhabern diesen kleinen Tractat vorzulegen, in Hoffnung, daß er deutlich, und ihnen nicht unnützlich seyn werde.

XIX.

Zum Beschluß, muß ich noch denenjenigen, welche sich die Mühe nehmen, denselben zu lesen, wohlmeinend eröffnen: daß alle Regeln, welche ich darinnen gegeben, und alle Vorsicht, die ich angerahten habe, ihnen nichts helfen werde, wann sie nicht Sorge tragen, im Nohtfall sich eines recht geschickten Maitres zu bedienen.

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