Zur Nachricht.

Der grosse Gelehrte, der hochberühmte Herr Baron von Leibniz, welcher sich jetzo, da ich dieses schreibe, in Wien aufhält, war so gütig, als ich ihm diesen Tractat schriftlich zu lesen gab, darüber folgende Anmerkungen zu machen; ich habe geglaubet, daß es meine Schuldigkeit erforderte, sie dem Publico nicht zu vorenthalten.

Anmerkungen des Herrn Baron von Leibniz über die Abhandlung des Herrn Sully, betreffend die Art und Weise, die Perpendikel- und Spiral-Taschen-Uhren zu regieren.

Es wäre höchlich zu wünschen, daß man ein vollständiges Werk von der Uhrmacherkunst hätte, darinnen ihre ganze Ausübung, nicht allein in der Haupt-Sache, nemlich der Abtheilung der Zeit, sondern auch in andern Nebendingen, welche in einer Menge artiger Erfindungen bestehen, deren sich die Maitres dieser Kunst zu bedienen pflegen, in ein völliges Licht gesetzet wäre. Der Autor, der in gegenwärtiger Abhandlung die Theorie mit der Praxi verbunden hat, und die Gabe besitzet, sich verständlich auszudrucken, dürfte hierzu vor andern geschickt seyn.

Von dem Arithmetischen Theil, oder der Ausrechnung des Zahnwerks in den Uhren, hat der Herr Oughtread in Lateinischer Sprache sehr wohl geschrieben.

Die Einrichtung des vibrirenden Gewichts an den Perpendikel-Uhren, wieß der Herr Huguens anfänglich in einer kurzen Beschreibung, welche er in Holländischer Sprache drucken ließ, als er die erste Perpendikel-Uhren öffentlich bekant machte; nachgehends aber weitläuftiger, in seinem fürtreflichen Lateinischen Werke, de Pendulis, worinnen er auch die Cycloidem (Rad-Linie) untersuchet. Es dürfte aber von der Natur der Vibrationen der Federn, noch etwas zu sagen seyn, deren Gleichheit, durch das Streichen der Darm-Saiten bewiesen wird, als welche allezeit einen und denselben Thon von sich geben, wann sie beständig gleich gespannet sind.

Es war ohngefehr im Jahre 1674 als man die erste Taschen-Uhr mit einer, den Gang der Uhr richtiger machenden Spiral-Feder zu sehen bekam. Ich hielt mich zu der Zeit eben in Paris auf, als der Herr Huguens, durch den berühmten Uhrmacher Herrn Turet, die Probe dieser Erfindung machen ließ. Der Herr Hook gerieht darüber mit ihm in Streit, und wolte in einer öffentlichen Schrift darthun: daß er schon vorhero, eine durch die Vibrationes einer Feder gerichtete Taschen-Uhr gemachet hätte; allein man hatte noch niemahls eine Taschen-Uhr, von seiner Art, wenigstens mit keiner vibirirenden Spiral-Feder, gesehen. Der Herr Abt Hautefeuille verklagte den Herrn Huguens gar bey dem Parlament zu Paris, und wolte beweisen, daß diese Erfindung von ihm herkäme; Doch der Spruch fiel wider ihn aus.

Man hat auch Uhren von einer ganz eigenen Art, woran das vibrirende Gewichte nicht hin und her streichet, sondern immer im Zirkel rund um gehet. Dergleichen Uhren haben dieses vor andern besonders, daß sie ohn alles Geräusche gehen, und werden oftmahls von denenjenigen gesucht, welche in ihren Zimmern Uhren verlangen, die ihnen nicht am Schlafe hinderlich fallen sollen. Der Herr Huguens hat davon eine Untersuchung geschrieben, welche nicht gedruckt ist; statt der Cyclois (Rad-Linie) hat er sich einer Art Parabolischen Cörpers bedienet, die Umläuffe daran Isochronisch einzurichten, (daß sie in gleicher Zeit geschehen.)

Als der Herr Huguens seine vibrirende Spiral-Feder bekant machete, so zeigete ich kurz hernach in dem Journal de Scavans ein anderes Principium, die Gleichheit in den Uhren zu befördern, welches nicht physicalisch wie der Grund, der die Gleichheit in den Perpendikeln und Federn befördert, sondern ganz mechanisch ist, und in einer vollkommenen Wiederherstellung desjenigen bestehet, das vibriren muß, immassen die Vibrationes alsdann gleich sind, weilen sie just eben dieselbigen sind.

Herr Hook in seiner Schrift wider den Herrn Huguens saget: er hätte mit mir disfals gleiche Gedanken gehabt, doch wäre er damit nicht zum Vorschein gekommen. Ich habe mir oftmals vorgenommen, diese Erfindung, welche viele neue, nicht geringe Vortheile verspricht, zu probiren, es hat mir eher allemahl an dem Beystande eines guten Maitres ermangelt, der die Geschicklichkeit gehabt hätte, Hand ans Werk zu legen; dann die gemeinen Künstler, sonderlich in Teutschland, haben keine Lust, von ihrem alten Schlenterjan abzugehen. Indessen könte man so wohl an grossen als kleinen Uhren, wann sie nach dieser Art gemachet wären, die Conische Schnecke entbehren, und würden sie eben so gehen, wenn man gleich das Gewichte, oder die Kraft des Ursprungs der Bewegung (primi mobilis) verdoppelte; denen Seefahrenden müsten sie auch weit bequemer seyn, als die Perpendikel-Uhren.

Bey der Spiral-Feder der Taschen-Uhren dürfte eine Untersuchung, von der Stärke des Einflusses der Luft auf ihre Vibrationes, und sonderlich um wie viel die Kälte und Wärme ihre Gleichheit veränderte, nicht von geringem Nutzen seyn.

Zu den Ursachen, welche die Richtigkeit der Perpendikel-Uhren in etwas verändern, gehöret auch die Zeit, welche man zum Aufziehen derselben nöhtig hat, wann sie indessen stille stehen müssen; doch, gute Perpendikel-Uhren sind so eingerichtet, daß sie auch währenden Aufziehen immer fortgehen.

Bey den Taschen-Uhren würde dergleichen Einrichtung sehr unnütze seyn, immassen man nach der Englischen Manier, oder mit dem gewöhnlichen Handgrif, dieselbe sehr hurtig, und gemeiniglich, in Zeit von sechs bis sieben Secunden, aufziehen kan.

In Vergleichung des Widerstandes der Luft, bey den Streichen der Unruhe in den Taschen-Uhren, mit dem Widerstande der Luft bey der Oscillation (Bewegung ) des Perpendikels, scheinet es, daß man etwas nachlassen müsse, weilen das Gewichte des Perpendikels im Hin- und Herstreichen, einen weiteren Weg als die Unruhe nehmen muß.

Daß der Perpendikel, an der Einrichtung des Ganges in den grossen Uhren, mehr Antheil habe, als die Spiral-Feder an der Einrichtung des Ganges der Taschen-Uhren, ist wohl der Wahrheit gemäß. Ausser dem von mir disfals angeführten Beweiß, ist folgender eben so überzeugend, nemlich: daß die Perpendikel-Uhr stille stehet, so lange ihr Perpendikel nicht zum Streichen gebracht wird; dagegen gehet die Taschen-Uhr aus eigener Kraft, und bringet die Spiral-Feder mit in Bewegung.

Der Perpendikel an einer Secunden-Uhr, streichet ganz gleich, aus Ursachen, weilen der kleine Cirkel-Bogen einer so langen Perpendikelstange, von dem Bogen, welchen die Cyclois zuwege bringet, sich nicht gar merklich unterscheidet. Inzwischen muß man doch zugeben, daß der Ursprung der Bewegung (primum mobile) und das Räderwerk, auf die Streiche der Perpendikels, noch einigen Einfluß behalten; dann der Perpendikel fällt durch die Achse, woran er vibriret, auf das Räderwerk der Uhr, und würket auf die der Achse widerstehende Zähne des Räderwerks, folglich kan er nicht ganz frey vibriren, daher kömmt es auch, daß der Perpendikel, wann das bewegende Gewicht um ein grosses vermehret wird, alsdann ein wenig geschwinder streichet.

Die Figur der Conischen Schnecke könte man durch Versuche einzurichten, sich bemühen, wann man die Feder mit verschiedenen Gewichten spannete, und durch Vermehrung derselben bemerkete, wie stark die Feder dadurch gespannet würde; in diesem Fall würden die Durchmessere der Conischen Schnecke, sich gegen einander verhalten, wie die Gewichte, welche im Stande sind, die Feder, indem sie auf jeden Durchmesser der Schnecke insbesondere würket, in einer beständig gleichen Kraft zu erhalten.

Obwohl alles dasjenige, was der Herr von Sully, zu Richtung der Perpendikel-Uhren, nach der Sonnen und den Fixsternen gewiesen hat, sehr gut, dessen disfalls verfertigte Tabelle auch ganz sinnreich ist, so deucht mir doch, daß die, in dem Buche: La Connoissance des temps, mit einer Anweisung zu ihrem Gebrauch befindlichen Tabelle, von der, nach der mittleren Bewegung der Sonnen, nach dem wahren Mittag (du temps moyen, au midi vrai) eingerichteten Zeit, jener vorzuziehen sey; welches ich dann andern zu untersuchen überlassen wil.

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