Das V. Capitel.

Von der scheinbaren Zeit, und wie man dieselbe ohne merklichen Fehler finden könne.

I.

Ich habe gesaget, daß die scheinbare Zeit nicht gleich ist; und ich würde mich gerne der Mühe nehmen, dieses denen, welche die Ursachen davon zu wissen verlangen, deutlich zu erklären; weilen es aber vor diejenige, welche nur ihre Uhr zu richten lernen wollen, von weiter keinem Nutzen seyn dürfte, als ihnen begreiflich zu machen, daß die scheinbare Zeit würklich ungleich ist, so wil ich nur so viel sagen, daß es eine nohtwendige Würkung der Eccentrität der Bahn in welcher die Erde jährlich um die Sonne läuffet, und der Schiefe sey, welche die Erdachse, in Ansehung ihres täglichen Umlaufs, mit der Fläche ihrer Bahn, oder welches einerley ist, mit der Fläche der Ecliptik machet.

II.

Allein wir sollen hier zeigen, wie man die scheinbare Zeit finden könne; und dieses geschiehet mit einiger genommenen Vorsicht, vermittelst der Sonnenweiser. Die Horizontal-Sonnenweiser, wann sie recht stehen, sind zu Anstellung richtiger Untersuchungen, die allerbequemsten. Es müssen aber dergleichen Sonnenweiser, mit grosser Geschicklichkeit gemachet, und sehr accurat gestellet werden; dahero es dann von dieser Art, welche die erforderte Beschaffenheit haben, nicht allein sehr wenig giebet, sondern man muß zugleich wohl merken, daß auch die allerrichtigsten nicht sechs Stunden hinter einander die rechte wahre Tageszeit genau anzuzeigen im Stande sind; die Hauptursache davon ist die Refraction der Lichtstrahlen in der Luft, welche verursachet, daß die Sonne über den Horizont allezeit höher erscheinet, als sie in der That ist, und dieses um so vielmehr, je näher sie dem Horizont zu seyn scheinet. Hieraus folgt nohtwendig: daß ein Sonnenweiser mit den wahren Tagesstunden nicht allemahl genau eintreffen könne, immassen er sie des Morgens einige Minuten zu früh, des Nachmittags aber einige Minuten später anzeigen wird.

III.

Die Astronomi (Sternkundige) haben zwar die Verhältnisse der Refraction, aus verschiedenen darüber angestelleten genauen Observationen, vor jede Höhe der Sonnen über den Horizont, ja so gar, vor viele Climata (Erdstriche; wo der längste Tag allemahl um eine halbe Stunde zunimt) ausgerechnet; allein, da aus eben diesen Observationen erhellet, daß die Abwechslung der Luft in unserer Atmosphäre, die Grade der Refraction an einem und eben demselben Ort, bald zu verändern pfleget, so ist leicht zu erachten, daß alle darauf gebauete Ausrechnungen ungewiß, und folglich von keinem grossen Nutzen, noch von allgemeinem Gebrauch seyn können.

IV.

Indessen kan man die Fehler, so entweder von der Unrichtigkeit des Sonnenweisers, oder von der Refraction herrühren, leicht vermeiden, wann man nur täglich Achtung giebet, wohin um den Mittag der Schatte des Zeigers stehet, denn wenn er den folgenden Tag wieder auf denselbigen Punct kömt, so hat die Erde, in Absicht auf die Sonne, just einen täglichen Umlauf vollendet, und diesen nenne ich die scheinbare Zeit.

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