Eine Werbebroschüre aus den 30er Jahren von Hans Jendritzki

Sprechblasentexte in Suetterlin, Übersetzung darunter durch M. Stern

"Hallo! Bist Du aber pünktlich...."
"- Tach, mein Junge!"
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"- zwei Uhren? Wozu?"


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"- über hundert Teile!"

„Ich hatte gerade vor, mich auf die 10 Minuten Wartezeit einzurichten!"

„Das hat jetzt aufgehört, mein Lieber! Vor einigen Tagen war ich beim Uhrmacher, und seitdem habe ich stets genaue Zeit!"

„Das hat doch sicher einen Haufen Geld gekostet. Hast Du eigentlich eine neue Uhr gekauft oder Deine alte Uhr reparieren lassen?"

„Alles beides! Ich habe meine Taschenuhr reparieren lassen und mir eine neue Armbanduhr dazugekauft."

„Aber - aber, wozu braucht man denn zwei Uhren?-"

„Eine Armbanduhr solltest Du Dir auch kaufen! Eine wunderbare Erfindung, denn man hat im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit immer zur Hand! Man braucht nicht erst den Rock aufzumachen und noch der Taschenuhr suchen. Ein Motorradfahrer ist dabei schon gegen einen Baum gefahren, was ihm das Leben kostete. Nur, weil er keine Armbanduhr hatte. - Nun, und meine Taschenuhr hat ein vorzügliches Werk und seitdem sie beim Uhrmacher war, da Ñ"

„Geht sie nicht mehr!"

„Ganz im Gegenteil! Sie ist noch nie so gut gegangen wie jetzt!Ich habe mir natürlich einen Uhrmacher ausgesucht der das Fachzeichen der Deutschen Uhrmacher führen darf. Dort drüben wohnt er übrigens, an seiner Ladentür und an seinem Schaufenster siehst Du schon das Fachzeichen. Gehen wir einmal hinüber - seine Schaufenster sind wirklich interessant!"

„Ja, sieh einmal, da ist ja eine Uhr ganz zerlegt! Über 100 Teile?"

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"- die sieht wirklich müde aus!"

„Stimmt schon! Und alle Teile muß der Uhrmacher durch die Lupe in Augenschein nehmen. Er hat sie mir auch einmal unter der Lupe gezeigt, sonst hätte ich sie gar nicht sehen können. Merkwürdig ist die große Zugfeder. Man kann sich schon denken, daß sie auch einmal von selbst entzweigeht da sie dauernd in das kleine Gehäuse eingezwängt ist. Sie wird sogar im Laufe der Zeit regelrecht „müde" und kriecht so zusammen, wie es da unten rechts zu sehen ist. Sie muß dann ausgewechselt werden - ohne daß sie entzwei ist." „Das Rote sind wohl die Steine? Je mehr Steine eine Uhr hat, desto besser ist sie!"

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"- das sind rote Steine."

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"- das war die letzte >billige< Uhr, die ich gekauft habe!"
"-schade um die drei Mark! Nischt wie Ärger!"
"- dicke Luft!"

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"- sieh mal Grete auf die Sekunde! Das macht Freude!"

„Ja, des Rote sind die Steine. Aber sie verbessern die Güte einer Uhr nur, wenn sie von tadelloser Harte und Politur sind."

„Aber billige Uhren ohne Steine gehen doch auch?"

„Gewiß, ein billiges Fahrrad fahrt auch. Man bekommt nur bald Ärger, wenn die Lager sich auslaufen und die Reparatur dann teurer wird als das ganze Rad."

„Dann kauft man eben eine neue Uhr!"

„Wenn Du soviel Geld Übrig hast, warum nicht! Rechne aber mal zusammen, was herauskommt wenn Du alle Jahr eine neue kaufst! Dafür erhältst Du mehr als eine gute Uhr und kannst sie noch pflegen. Sie macht Dir dauernd Freude und Du kannst Dich auf sie verlassen!"

„Da hast Du wirklich recht!"

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"- einfach fabelhaft!"
"- und das ist die Lagerung der Unruh!"
"- sogar mit vier edlen Steinen!"
„Siehst Du! Nun schau Dir mal die Lagerung eines Rädchens in der Uhr an. Links siehst Du, wie in einer billigen Uhr die Zapfen einfach im Messing laufen. Aber da rechts, da ist ein Steinlager eingesetzt, das sich so gut wie gar nicht abnutzt. Die Zapfen laufen sich natürlich auch ab, und sie müssen bei jeder Reparatur wieder auf Hochglanzpolitur gebracht werden. Daß das nicht so einfach ist, kannst Du Dir denken, denn manche Zapfen sind nur so stark wie ein Schnurrbarthaar oder ein Drittel eines Roßhaares. Und die Unruh ist noch besonders bevorzugt.- sie hat eine Lagerung aus vier Steinen, nämlich zwei Lochsteine und zwei Decksteine."

„Welches ist denn nun eigentlich die Unruh?"



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"Fast unglaublich!"


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„Das ist das kleine Rädchen, das immer so schnell hin und her schwingt. In einer Stunde macht es 18000 Schwingungen, in einem Tage 432000 - also bald eine halbe Million - und im Jahre 157 Millionen 680 Tausend Schwingungen. Überleg Dir das einmal richtig: 157 Millionen! Ohne einen Tropfen Öl, ohne Reinigung, ohne Ruhepause!"

„Wie kann eine Uhr das bloß leisten, das ist ja wirklich ungeheuerlich!"

„Auf die Dauer kann es natürlich nur eine gute Uhr!"

„Allmählich bekomme ich doch eine riesige Hochachtung vor der kleinen Zeitmaschine. Nun sag mir aber noch, wie arbeitet denn der Aufzug?"

„Der Aufzug einer Uhr - bei dem Du da oben an der Krone drehst - ist das kleinste Zweiganggetriebe der Welt mit automatischer Kupplung. Wenn Du aufziehst, so ist immer der erste Gang eingeschaltet. Drehst Du rückwärts, so ist das der Leerlauf, aber sobald Du wieder umkehrst, schaltet sich automatisch wieder der erste Gang ein. Ziehst Du die Krone heraus - oder drückst Du an der Seite auf den kleinen Stift -, so schaltest Du den zweiten Gang zum Zeigerstellen ein."

12 „Das ist wirklich genial erdacht! Nun weiß ich bald alles über die Uhr, bis auf die Hemmung. Ich hab da etwas gehört von Zylinder- und Ankerhemmung?"

„Die beste ist die Ankerhemmung. Die Unruhwelle bewegt mit ihrem Auslösestein bei jeder Drehung den Anker zur Seite. Dadurch gleitet der Zahn des Ankerrades auf die geneigte Hebefläche des Steines. Da das Ankerrad vom Uhrwerk gedreht wird, drückt es den Anker auf der schiefen Ebene herum, und der Anker gibt damit der Unruh durch den Auslösestein einen neuen Antrieb. Von der anderen Seite geht das Spiel genau so vor sich."

„Du sagtest vorhin, die Unruh macht in einer Stunde 18000 Schwingungen. Demnach geht auch diese Arbeit der Hemmung so schnell vor sich?"

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"- hier siehst Du den Anker arbeiten!"

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"18.000 Schwingungen? Allerhand!"

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"- na, was sagst Du jetzt?"
"- ich werde mir wohl eine neue Uhr kaufen!"


„Jawohl. Auch die Zylinderhemmung arbeitet so schnell. Aber es braucht große Geduld, um eine Zylinderuhr einigermaßen zu regulieren, und sie geht trotzdem nicht so regelmäßig wie die Ankeruhr. Immerhin, wenn es auf ein paar Minuten nicht ankommt tut sie es schon. Aber als Armbanduhr eignet sie sich wenig!"

„Jetzt habe ich schon so viel von Dir gelernt, daß ich wohl bald selbst als Uhrmacher gehen kann."

„Nun, dazu fehlt doch noch eine ganze Menge. Denn was ich Dir eben erzählen konnte, ist ja nur eine Kleinigkeit aus dem großen Gebiet der Uhrmacherei. Der Uhrmacher muß wahrlich viel lernen, und man kann getrost sagen: die Uhrmacherei ist eine kleine Wissenschaft."

„Das habe ich jetzt euch schon gemerkt. Auf alle Fälle werde ich mir nun eine neue Uhr kaufen, aber nur von einem Uhrmacher, der sein Fach versteht und der das Fachzeichen führt."

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"Für Qualität bürgt immer diese Zeichen!"
"Das Uhrenfachgeschäft führt dieses Zeichen!"


Text: H. Jendritzki, Berlin
Zeichnungen : E. Huber, Berlin
 
Sütterlin wurde offiziell 1938 abgeschafft. Es wurde nur noch die "deutsche Normalschrift" (lateinische Schrift) zugelassen.







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