Wie gefährlich sind die Russenuhren wirklich?

Uhren Magazin, N.N., 3/1994, S.78f

In Heft 10/93 warnten wir vor russischen Taucheruhren aus den 50er Jahren, die lebensgefährliche radioaktive Strahlung abgeben. Immer wieder fragen Leser jedoch in der Redaktion auch nach Russenuhren aktueller Produktion; meistens geht es um Uhren mit Leuchtziffern.
Wir wollten es ganz genau wissen und ließen eine Anzahl von auf Flohmärkten entstandenen Armhand- und Taschenuhren auf radioaktive Strahlung prüfen.

Die richtige Adresse für derlei Untersuchungen sind die Landesmeßstellen für Radioaktivität, die es in allen Bundesländern gibt. In Bremen findet man diese Meßstelle in der Universität, wo sich der Physiker Gerald Kirchner unserer kleinen Uhren Auswahl annahm.

Wir hatten einen Chronographen und zwei Armbandwecker von Poijot dabei, eine Kalenderuhr von Raketa, zwei Komandirskic-Modelle von Wostok, eine Slawa-Automatik, eine Savonnette-Taschenuhr von Pobjeda zwei Taschenuhren von Molnija und einen Flieger-Chronographcn .

Die Meßstellen führen Routinemeßprogramme durch, die etwa über die Belastung des Bodens und von Nahrungsmitteln informieren. Für Privatleute lohnt es sich höchstens, die Meßstellen für die Überprüfung spezieller Dinge, die von den Routinemessungen nicht erfaßt werden, in Anspruch zu nehmen, denn ausführliche Tests dauern einige Zeit und müssen vor allem auch bezahlt werden. Als Beispiel für solche .speziellen Dinge nennt Gerald Kirchner etwa Holz aus der Ukraine oder eben auch Uhren, die in den 50er Jahren in Rußland hergestellt wurden.

Mit einem mobilen Gerät, einem sogenannten Dosisleistungsmesser, sollte zuerst einmal festgestellt werden, ob eine eingehendere Untersuchung der neuen Russenuhren überhaupt notwendig war. Ergebnis: im Prinzip nein, denn das Gerät, das die Strahlenbelastung mißt, zeigte keine relevanten Werte an.

Minimale Ausschläge des Meßzeigers bei vier Uhren waren jedoch Grund genug, um an diesen Modellen, wenn auch mehr aus Neugier, eine gammaspektrometrische Messung vornehmen zu lassen. Dazu wanderten die Uhren nacheinander in den bleiverkleideten Behälter eines Gerätes, das sogar einzelne radioaktive Isotope registrieren kann. Eine solche genaue Untersuchung ist langwierig und daher nicht billig. Von einem Bildschirm kann ein Experte ablesen, mit welchem radioaktiven Nuklid (z. B. Promethium, Radium oder Uran) man es zu tun hat und wie hoch seine Aktivität ist. In diesem Fall bestätigte die Messung, was schon das mobile Gerät angezeigt hatte: keine Spur von radioaktiven Stoffen, der Bildschirm blieb leer.

Drei der Uhren haben Zifferblätter mit Leuchtindexen, die sich damit auch als harmlos herausgestellt haben. In den sogenannten Strahlenschutzverordnungen Deutschlands und der Schweiz sind zwar Grenzwerte für die Radioaktivität von Uhren festgelegt, aber zum einen beziehen sich diese lediglich auf Uhren mit radioaktiver Leuchtfarbe, und zum anderen werden verschiedene Meßeinheiten verwendet. Ru.ssische Uhren aus der aktuellen Produktion können nach der Untersuchung der Bremer Landesmeßstelle für Radioaktivität getrost als völlig unbedenklich eingestuft werden. Bei älteren Modellen kommen Besitzer von Russenuhren, die sicher gehen wollen, jedoch um eine Untersuchung durch Fachleute nicht herum.

In der Frankfurter Rundschau war zum Jahresende von einem Uhrensammler zu lesen, der seine vom Flohmarkt stammende russische Militäruhr mit einem einfachen Meßgerät selbst überprüfte, nachdem er aus der Fachpresse von strahlenden Russenuhren erfahren hatte. Seine Uhr mit Leuchtzifferblatt gehörte offensichtlich dazu, wie dem Sammler auch vom Amt für Immissions- und Strahlenschutz bestätigt wurde, an das er sich wegen der Entsorgung seines gesundheitsschädlichen Zeitmessers gewandt hatte. Vermutlich wurde bei der Uhr Radium als Leuchtmittel verwendet.

Gerald Kirchner von der Uni Bremen, der keineswegs zu übertriebener Besorgnis im Zusammenhang mit Radioaktivität neigt, hat bei Uhren mit leuchtenden Ziffern und Zeigern dennoch Bedenken:

"Ungefährlich sind in jedem Fall nachleuchtende Substanzen, die durch Tages- oder Kunstlicht aufgeladen werden und in der Dunkelheit nur begrenzte Zeit leuchten. Wer meint, eine Uhr mit selbstleuchtenden Markierungen unbedingt zu brauchen, sollte sichergehen, daß Tritium verwendet wurde das vom Metallgehäuse und Glas der Uhr ausreichend abgeschirmt wird. Bei Promethium-Markierungen ist an der Oberfläche der Uhr durchaus Strahlung meßbar, .so daß eine Gesundheitsgefährdung besteht. Am besten ist es, auf Leuchtziffern und -zeiger bei Uhren ganz zu verzichtcn."

Radioaktive Leuchtfarbe ist jedoch nicht die einzige Ursache für strahlende Uhren. Durch radioaktive Bestrahlung können eben auch beliebige Materialien radioaktiv verseucht werden - und ob das bei einer vor vierzig Jahren hergestellten Uhr der Fall ist, kann man ihr nicht ansehen.




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